Herbert Schmid erzählt an Ostern 2026

Herbert und Hilde Schmid (geb. Schlotter) gehören zu denjenigen Personen in meinem Heimatdorf Bergfelden, zu denen der Kontakt seit meiner frühen Kindheit bis zum heutigen Tag Bestand hat. Hilde war meine "Kindsmagd", wie man damals zu sagen pflegte, und ging bei uns im Haus ein und aus. Meine Mutter mit vier kleinen Kindern und zahlreichen Aufgaben als Pfarrfrau brauchte Unterstützung bzw. sie war oft gar nicht zuhause und wir mussten aber beaufsichtigt und beschäftigt werden. Hilde war bei der Anfrage meiner Mutter, ob sie sich die Aufgabe als "Kindsmagd" vorstellen könne, noch sehr jung und traute sich die Aufgabe nicht zu. So wurde aus Hilde eine "Hilde-Marga-Doppelkindsmagd". Marga war etwas älter als Hilde und war bereit, sich zusammen mit Hilde mit uns vier Kindern auseinander zu setzen. Damals wußten wir noch nicht, dass Hilde später, 1970, Herbert Schmid heiraten würde, ein Mitglied des ersten Posaunenchors in Bergfelden. Herbert Schmid (* 1943 in Bergfelden), erzählt aus seiner Kindheit und Jugend, dass allen, zumindest allen älteren Bergfeldern und Bergfelderinnen,  bis heute die Stuttgarter Diakonisse Sr. Anna Wüst  in Erinnerung geblieben ist. Sr. Anna kam aus dem Stuttgarter Diakonissenmutterhaus und war der gute Geist des Dorfes. Sie drehte täglich ihre Runden durch das Dorf. Sie hatte im Obergeschoss des Rathauses ihre Dienstwohnung. Hier wurde auch die hausärztliche Sprechstunde abgehalten. Dr. Brillinger aus Sulz am Neckar, ein niedergelassener Hausarzt, kam einmal pro Woche nach Bergfelden und versorgte das ganze Dorf in dieser einen Sprechstunde mit ärztlichem Wissen. Er kam, für die damalige Zeit durchaus noch ungewöhnlich, in einem VW Käfer angefahren und wir Kinder winkten ihm zu. Alle kannten sein Auto. Noch heute gibt es die Hausarztpraxis Dr. med. Brillinger in Sulz a. N., allerdings ist es inzwischen schon die dritte "Brillinger-Generation", die diese Praxis betreibt. Sr. Anna war eine Institution als Gemeindeschwester. Die Sprechstunde fand in der Küche der Schwesternwohnung statt. Gewartet wurde im Flur oder aber man saß auf den Treppenstufen. Sr. Anna wußte von jedem, der da kam, was das jeweilige Leiden war. Mit dem Datenschutz verhielt es sich damals noch etwas anders als heute. Die Leute in Bergfelden freuten sich immer, wenn sie zum Hausbesuch kam und sie bei der Pflege von Kranken unterstützte. Sie war auch die Verbindung zum Pfarrhaus. Traumhaft schön war ihr Blumengarten, den sie zwischen den beiden Wehrmauern der Ev. Remigiuskirche, einer Wehrkirche, angelegt hatte. Ein länglicher Steinbrunnen in der Mitte plätscherte vor sich hin, es gab ein Bänkchen zum Sitzen und Ausruhen und es war irgendwie alles ein einziges Blumenmeer. Dazu sehr still. Irgendwie ein Klostergarten. Die Blumen fanden auch Verwendung beim Schmücken der Kirche, das zu ihren Aufgaben gehörte. Sr. Anna war in das gesamte Gemeindeleben integriert. Sie drehte ihre Runden im "Flecken", hielt ein Schwätzchen auch mit den Gesunden und nicht nur mit den Kranken. Kleine und große Wehwehchen, sie war für alles zuständig. Sr. Anna brachte den Kindern in der Volksschule das Zähneputzen bei, sie assistierte Dr. Brillinger bei Impfungen, sie hielt Kinderkirche und ihr war es auch zu verdanken, dass so manche alleinstehenden Leute weiterhin zuhause wohnen konnten, obwohl sie bereits einiges an Unterstützung brauchten, aber noch nicht in ein Pflegeheim gehen wollten. Nachdem Sr. Anna in Rente ging, wurde die Stelle nicht mehr besetzt. Es gab nicht mehr viele Diakonissen. Ein Verlust für das Dorf. Nach und nach gab es aber mehr Ärzte und Dr. Brillinger musste nicht mehr die ganze Region alleine versorgen. Die Dorfbewohner gingen jetzt auch nach Sulz zum Arbeiten. Sie fuhren im Bus morgens in diese kleine Stadt und kehrten abends mit dem Bus wieder nach Bergfelden zurück. 

Herbert Schmid erzählt, dass Sr. Anna Wüst für viele junge Mädchen in Bergfelden Vorbildfunktion hatte. Es kam nicht von ungefähr, so Schmid, dass zahlreiche dieser Mädchen und jungen Frauen über die einjährige Pflegevorschule am Diakonissenkrankenhaus in Stuttgart in die dreijährige "große" Pflegeausbildung eintraten; es hing dies mit dieser Vorbildfunktion von Sr. Anna zusammen. Die Unterweisungen zur Gesundheitspflege, die Sr. Anna in der Dorfschule in Bergfelden den Kindern gab, dürften ihren weiteren Teil zu diesem häufigen Berufswunsch beigetragen haben. Die Pflegevorschule war eine spezielle Einrichtung für diejenigen Schülerinnen, die lediglich einen Volksschulabschluss vorweisen konnten. Dieser Volksschulabschluss berechtigte, gemeinsam mit bestandener Prüfung der einjährigen Pflegevorschule, die Ausbildung zur "großen Krankenpflege", wie man damals sagte, machen zu dürfen. Herbert Schmid, so erzählt er weiter, wollte nach der Volksschule nicht in den elterlichen Betrieb eintreten. Schreiner zu werden war nicht sein Lebensziel. Er erzählt, dass er zunächst die Handelsschule in Oberndorf besuchte, dies zusammen mit drei jungen Frauen aus seiner Klasse. Diese drei jungen Frauen hätten beispielsweise nach der Handelsschule die Möglichkeit gehabt, als Stenotypistin zu arbeiten, aber zwei davon absolvierten am "Diako" in Stuttgart eben diese Pflegeausbildung. Mit "Diako" ist, wie schon gesagt, das Diakonissenkrankenhaus in Stuttgart gemeint. Lediglich eine seiner drei Mitschülerinnen an der Handelsschule arbeitete nach der Handelsschule bei einer Versicherung weiter und ging nicht ans Diako. Den beiden Frauen, die den "Stuttgarter Weg" wählten,  sollten zahlreiche weitere folgen. Das Erstaunliche dabei war und ist, dass nahezu alle, die den "Stuttgarter Weg" gewählt hatten,  bis zum Renteneintrittsalter in der Pflege arbeiteten. Ganz unterschiedliche Bereiche. Im OP oder Pflegeheim oder Krankenhaus. Eine verschlug es sogar in die Hadassah-Klinik nach Jerusalem. Eine andere wurde leitende Hygienefachschwester an einer Universitätsklinik. Es wurden beachtliche Lebenswege geschrieben. Der Pflegeberuf war eine gute Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt zu sichern. Von einer Krankenschwester, die im OP in Schwenningen arbeitete, erzählte Herbert, dass sie sich nicht an einem Aneurysma operieren liess, obwohl es dringend nötig gewesen wäre. Befragt auf diese Weigerung sagte sie: "Gerade weil ich im OP arbeite, lasse ich mich nicht operieren." Sie verstarb wenige Monate danach an eben diesem Aneurysma. 

Links Werner Schmid, Herbert Schmids Bruder, der die elterliche Schreinerei übernommen hat; in der Mitte Hilde Schlotter (spätere Schmid); rechts eine "Anwärterin auf den Pflegeberuf".

Die elterliche Schreinerei, so erzählt Herbert Schmid, wurde von seinem jüngeren Bruder, Werner, übernommen. Dieser "werkelt" bis heute in dieser Schreinerei. In dieser Schreinerei wurden früher sogar noch Möbel auf Bestellung gefertigt, also Unikate. So z.B. ein Schrank mit vier Abteilungen und vier Türen für die Pfarrfamilie mit vier Kindern. So hatte jedes Kind seine eigene Schrankabteilung. 

Während die Diakonisse Sr. Anna Wüst die letzte Diakonisse in Bergfelden war, so war die Frau des Pfarrers Auer die letzte Pfarrfrau in diesem Dorf. Danach kamen "Frauen des Pfarrers", aber keine "Pfarrfrauen" mehr. Das Berufsverständnis änderte sich in dieser Zeit insgesamt, das lutherische Verständnis von Pfarrfamilie machte hier keine Ausnahme. Der Pfarrer war nun nur noch während der offiziellen Dienstzeiten erreichbar, zwischen dienstlicher und privater Telefonnummer wurde unterschieden. Die Frau des Pfarrers war in der Gemeinde oft nur noch wenig und manchmal auch gar nicht mehr sichtbar. Sie beteiligte sich oft auch nicht mehr an zahlreichen ehrenamtlichen Aktivitäten, die von anderen Gemeindemitgliedern weiterhin erbracht wurden bzw. erbracht werden sollten. Nicht wenige Gemeindemitglieder, die bis dahin ehrenamtlich in der Gemeinde tätig waren, verzichteten auf ihren Beitrag: "Wenn die Frau des Pfarrers nicht ehrenamtlich mitarbeitet, warum dann ich?" Die Vorbildfunktion der Pfarrfrau als ehrenamtlich Arbeitende entfiel mit dem neuen Verständnis der Pfarrfamilie. Die Bereitschaft von Gemeindemitgliedern, sich ehrenamtlich zu betätigen, sank dadurch. Das Gemeindeleben veränderte sich. Der Pfarrer erhielt nun eine Sekretärin, da die Pfarrfrau derlei Tätigkeiten nicht mehr ausführte. Das Ehepaar Pfarrer und Pfarrfrau Auer und Sr. Anna Wüst waren ein gutes Team, sie sorgten gemeinsam, man könnte auch sagen ganzheitlich, für die Kirchengemeinde und für die Pflege im Dorf. In der heutigen tayloristisch-arbeitsteiligen Gesellschaft ist dies so nicht mehr vorstellbar. Die Menschen empfanden es als besondere Ehre, wenn der Pfarrer zu Besuch kam: "Der Pfarrer hat mich heute besucht". Das in der Predigt Gesagte wurde durch diese Besuche auch umgesetzt. Die Pfarrfrau spielte Orgel, leitete den Kirchenchor und den Leichenchor und sorgte so für musikalische Untermalung bei wichtigen Anlässen im Dorf.  Dass mit dem verschwindenden Verständnis der lutherischen Pfarrfamilie die berufliche Position einer Pfarramtssekretärin neu geschaffen wurde, war nun aber ein Glücksfall für Hilde Schmid. Sie wurde Pfarramtssekretärin im Bergfelder Pfarrhaus, in dem sie zuvor "Kindsmagd" gewesen war. Später kam auch noch das Pfarramt in Mühlheim als weiterer Arbeitsort dazu. 

Hilde Schmid, als die moderne Zeit (Computer) auch in den Pfarrämtern Einzug hielt.

 

Pfarrer Auer organisierte und leitete eine Freizeit für Jugendliche im Kleinwalsertal. Alle marschierten auf den langen Wanderungen mit. Bergauf und Bergab. Dies bewirkte ein Zusammengehörigkeitsgefühl bei den Jugendlichen, sagt Herbert Schmid, der nach der Handelsschule eine kaufmännische Lehre absolvierte. Einmal betätigte sich der Jungmännerkreis auf dem Seilerhof als hobbyarchäologischer Kreis. Es wurde zwei Monate lang mit Pickel und Schaufel gebuddelt, da dort archäologisch interessante Steinhaufen entdeckt worden waren. Allerdings blieb die Aktion schlussendlich erfolglos. Wirklich relevante archäologische Erkenntnisse konnten, wie so oft bei solchen Unternehmungen, nicht gewonnen werden. Herbert Schmid hat auch noch Erinnerungen an die Vorgänger von Pfarrer Auer. Da war Pfarrer Kaul, der von seinen Konfirmanden und Konfirmandinnen gerne gehabt hätte, dass sie sich im Singen befleißigen. Er setzte sich ans Klavier und hoffte auf gutes Mitsingen. Aber im KonfirmandInnenalter singen männliche Jugendliche nicht sooo gerne. So wurden sie, nach erfolgloser Gesangsstunde, auf das Fußballfeld entlassen. Da damals im KonfirmandInnenunterricht noch viel auswendig gelernt werden musste, um das Gelernte dann bei der Konfirmation hersagen zu können, wurde die Zeit vor der Konfirmation zum Auswendiglernen durchaus etwas knapp. Aber es ging sich doch gut aus, ein Zeichen dafür, dass auch in kurzer Zeit einiges zumindest im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert werden kann. Allerdings brauchte es dafür einen anderen Lehrer, Herrn Renz. Herr Renz war deutlich in seiner Wortwahl: "Wenn Ihr nicht lernt, dann muss die Konfirmation leider ausfallen." Herr Renz wohnte im Giebelzimmer des Pfarrhauses, er war ein Verwandter des Landesbischofs. Das Verhältnis zwischen Pfarrer Kaul und Herrn Renz darf man als angespanntes Verhältnis bezeichnen und die Wohnsituation im Pfarrhaus war manchmal wenig erquicklich. Pfarrer Kaul wurde schließlich seines Amtes enthoben. Er stieg dann in den Verkauf landwirtschaftlicher Kleingeräte im Gäu ein. 

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Soldaten aus der russischen Gefangenschaft zurück nach Deutschland, so auch der Vater von Hilde Schmid, der zu den letzten Soldaten gehörte, die im Zuge der Moskauer Außenministerkonferenz in die Heimat zurückkehren durften. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kamen auch viele Heimatvertriebene nach Baden-Württemberg für die keine eigenen Behausungen gebaut werden konnten, da durch die Bombardierungen ohnehin etliches an Wohnraum verloren gegangen war. Herbert Schmid erzählt, dass D.F. aus Bessarabien über Ostpreußen, dann Dänemark und Norddeutschland nach Bergfelden kam. D.F. hielt viele Jahre lang in Bergfelden die pietistische "Stunde" (schwäbisch: "Schdond"). Er war einquartiert in einem Haus im Kalkofen. Die Einquartierungen waren Zwangseinquartierungen. Jeder Haushalt, der noch etwas Platz übrig hatte, bekam vom Bürgermeister Heimatvertriebene zugewiesen, ob er/sie wollte oder nicht. Die Einquartierungen stellten die Bevölkerung Bergfeldens insgesamt vor Probleme, denn es war nichts im Überfluss vorhanden. Badezimmer gab es damals noch keine, vor allem die Heimatvertriebenen lebten dicht gedrängt, es war nicht einfach für sie, so Schmid. Die Bergfelder selber hatten alle mindestens eine Kuh und konnten ihre Butter selber machen. Für die Heimatvertriebenen gab es nur Margarine. Aber manchem Bergfelder schmeckte die Margarine sogar besser als die Butter, so beispielsweise Hilde Schmid, die die Margarinebrote der Heimatvertriebenen bevorzugte. Die Schule war auch überfordert. Es gab nicht genügend Schulbänke, auf denen die Heimatvertriebenen-Kinder hätten sitzen können. Diese hatten schon in den letzten Kriegsjahren zum Teil keinen regelhaften Schulunterricht mehr gehabt; in Dänemark im Lager hatte sich niemand um die Schulbildung dieser Kinder gekümmert. So kamen sie mit Wissensdefiziten nach Bergfelden und wurden hier entsprechend ihrem aktuellen Wissensstand eingestuft. Manche wurden drei oder sogar vier Schuljahre zurückgestuft und waren dann schon zu groß für die entsprechenden Schulbänke. Sie mussten in jeder Klasse wenigstens einige Monate bleiben, damit sie die damals vorgeschriebenen acht Jahre Schulbildung vorweisen und die Volksschule mit Erfolg abschliessen konnten. Es war nicht leicht für die Kinder der Heimatvertriebenen, wiederholt Herbert Schmid: "Sie haben dann alle eine Lehre gemacht und haben es doch zu etwas gebracht, obwohl sie solche harten Schuljahre hatten." Es gab auch keine finanzielle Unterstützung für die Heimatvertriebenen, in der Erntezeit gingen sie zu den Bauern zum Helfen auf den Feldern. Sie mussten sich selber durchschlagen. Als es dann aufwärts ging in den 50er Jahren, haben sie eigene Häuser gebaut und hatten dann auch feste Arbeitsplätze. In jedem Bergfelder Haus betrieb man damals noch eine zumindest kleine Landwirtschaft. Man besaß durchschnittlich vielleicht drei bis vier Hektar Ackerland und im Schnitt auch so zwei Kühe. Die größeren Bauern besassen mehr Ackerland, mehr Kühe und auch Pferde. Aber die Heimatvertriebenen hatten halt gar nichts an Grund und Boden. Grund- und Bodenmässig "sind sie lange Zeit arme Schlucker geblieben", so Herbert Schmid.